
Reisen bildet bekanntlich. Manchmal reicht es sogar schon, ein paar Kilometer weit bis Beeskow zu fahren.
Der winzige Bioladen des Nachbarstädtchens, Direktverkaufs-Dépendence des örtlichen Öko-Landwirts, ist häufig für eine Überraschung gut. Dort gibt es nämlich einen Verkäufer, der zumindest gelegentlich seiner gelinden Abenteuerlust frönen darf. Wie er die große Gemüsekiste mit frischem Kurkuma vor seinem Arbeitgeber rechtfertigt geht mich glücklicherweise nichts an. Ich war es zufrieden, mal probieren zu dürfen. Daher weiß ich inzwischen, daß dieses Gewürz im Rohzustand nicht nur eigenartig aussieht (exakt wie dicke, fette Maden), sondern auch verflixt gewöhnungsbedürftig schmeckt: zuerst ein ganz feiner Hauch wie von Parfüm. Und dann bitter. Sehr bitter. Sehr, sehr nachhaltig sehr, sehr bitter. Die Gelbwurz ist fast so bitter wie sie gelb färbt. Und meine Finger waren vom Schälen des einen kleinen Würzelchens nach einer Woche immer noch leuchtend safranfarben.
Heute entdeckte ich zwischen Chicorée und Pastinaken unbekannte Blattbündel, die aussehen als hätte man Mangold mit Wirsing gekreuzt. "Toskanischer Schwarzkohl" stand an den länglichen, spitz zulaufenden, leicht gerüschten Blättern. Sagen Sie selbst: wie hätte ich dem widerstehen können?
Und? Wissen Sie's schon? Auf Italienisch heißt das Gemüse Cavolo nero. Und es ist nichts anderes als der in der anglophonen Welt schon seit mehreren Jahren ubiquitäre Kale. Den kannte ich zwar bereits vom Hörensagen, aber nur als eine andere Bezeichnung für Grünkohl. Weshalb ich mich schon längst gefragt hatte, welche Form der Massenhysterie dazu führen kann, daß die Leute es über sich bringen Grünkohlchips, Grünkohlsmoothies oder gar Grünkohlsalat zu sich zu nehmen.
Das Internet, genauer gesagt der britische Independent spuckt dazu Folgendes aus:
"Es gibt einen riesigen Hype um Kale, und sein Nährwert-Profil ist geradezu absurd. 100 g roher Kale enthalten nur 33 Kalorien, aber 200% des täglichen Bedarfs an Vitamin A, 134% an Vitamin C und unglaubliche 700% an Vitamin K. Vitamin K ist gut für die Knochen und die Blutgerinnung (allerdings kann es die Wirkung gewisser blutgerinnungsfördernder Medikamente beeinträchtigen) und wenn man es mit ein bißchen Fett, beispielsweise Olivenöl, Avocados, Nüssen oder Sämereien verzehrt, wird Ihr Körper eine größere Menge von Vitamin K aufnehmen."
Das ist einen Hauch unpraktisch. Denn sowohl meine Mutter als auch der Hauself sollten ihre Blutgerinnung keinesfalls verbessern.
Ich bin zumindest prinzipiell eine große Freundin von rohem Gemüse, egal ob Möhren, Blumenkohl oder Petersilienwurzel. Daher zupfte ich mir beim Nachhausekommen selbstverständlich sofort ein Stückchen ab und verzehrte es. Tja. Was soll ich sagen? Es ist ziemlich zäh, schmeckt vage... grün. Und leicht bitter. Was mache ich jetzt also mit dem Büschel? Denn für mich allein koche ich mir garantiert nicht dieses Gericht. Obwohl es entschieden appetitlicher anmutet als ein Smoothie.
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