Montag, 16. Mai 2016
Chicken & Co.
Im Bioladen gab es mal wieder Hühner, was nur dann passiert, wenn der 12. auf einen Donnerstag fällt. Oder so ähnlich. Jedenfalls ist die Methodik undurchschaubar. Und es darf einem mitnichten einfallen, seine Bestellung etwa erst 3 Tage vorher aufzugeben, obwohl die Hühner angeblich gaaaanz frisch geschlachtet werden. Also bat ich wider besseren Wissens um zwei halbe Hühner. Denn erstens könnte man für denselben Preis ungefähr eine (konventionelle) Schweinehälfte erwerben. Und wie der Ökobetrieb es schafft, die Tiere angeblich ohne Quälerei derart groß und fett zu kriegen, darüber will ich lieber nicht nachdenken. Denn die Viecher sind so enorm, daß eine Hälfte meistens problemlos für drei Tage, also 3 x 3 Portionen reicht. Da ich aber dank exzentrischer Verkaufstaktik nicht weiß, ob mir dieses Jahr nochmal eines zuteil werden wird, stellte ich mich seelisch & küchentechnisch auf eine Geflügelorgie ein.
Hälfte Nr. 1 warf ich nach diesem Rezept in einen Topf. Das mit den angekokelten Zwiebelhälften funktioniert übrigens tatsächlich: die Brühe wies, im Gegensatz zu meiner üblichen, bleichsüchtigen hausgemachten Bouillon, eine geradezu bilderbuchmäßig goldene Farbe auf.
Auch mit dem Risi-Pisi hat der gute Tim offensichtlich recht. Denn ich streute die Tiefkühlerbsen einfach zu dem anderen Kram ins Frikassee, was ihnen überhaupt nicht bekam. Sie waren am Ende grau-verkocht, statt knackig-grün. Und das mit dem Weißwein und dem Estragon war schlichtweg genial - noch nie ist mir ein besseres Hühnerfrikassee gelungen.
Das aßen wir also am Freitag und Samstag. Den Rest fror ich ein.
Heute, am Sonntag sollte es Chicken Tikka geben. Ebenfalls à la Tim. Ja, ich weiß. Da steht "Tandoori". Ich hatte aber keins. Stattdessen langweilt sich seit einer Ewigkeit ein angebrochenes Glas Tikka-Paste im Kühlschrank.
Um es vorwegzunehmen: es ist tatsächlich völlig schnurz, wie das Zeugs heißt, denn es hat hervorragend geschmeckt.
Allerdings streute ich drei gehackte Knoblauchzehen und dieselbe Menge zerkleinerten Ingwer ins Joghurt, dessen Menge ich verdreifachte, denn niemand außer einem Fernsehkoch hat stets & immerdar eine Schüssel parat, in die das zu Marinierende millimetergenau reinpaßt.
Außerdem muß es in diesem Hause Sauce geben, sonst sind meine Mitesser not amused. Und darüber schweigt sich Herr Mälzer aus.
Also bettete ich das Huhn heute Mittag aus seiner rosa Suppe in eine feuerfeste Form um, die ich für ein knappes Stündchen in den heißen Ofen stellte.
Derweil hackte ich eine Zwiebel, schwitzte sie an, rührte ein paar Eßlöffel Tomatenmark drunter, den Großteil der vom Hähnchen abgetropften Marinade (ja, ich weiß - das geht nur bei frischem Fleisch. Bei Tiefkühlware wäre dieselbe Prozedur ekelerregend), ungefähr eine Kaffeetasse Kokosmilch, etwas Zitronensaft und noch einen Löffel Honig.
Et voilà, eine Sauce wie vom zumindest mittelmäßig guten Inder.
Bloß mit der Beilage hatte ich ein Problem. Denn zu Hühnerfrikassee paßt nun mal nichts als Reis. Und für den schwärmen Alex und ich nicht so, daß wir ihn gern noch ein drittes Mal hätten essen wollen.
Also befragte ich das Internet-Orakel. Das spie dieses Rezept für Naan aus.
Weshalb ich ausgerechnet das Rezept den schätzungsweise siebenundvierzigtausend anderen vorgezogen habe? Wahrscheinlich, weil darin Schwarzkümmelsamen erwähnt werden, für die ich nicht nur eine Vorliebe habe, sondern von denen sich seit mindestens einem, wenn nicht mehr Jahren eine unangebrochene Packung in meiner Speisekammer rumtreibt.
Das Ergebnis war eßbar, wenn auch sehr zu meiner Enttäuschung völlig blasenfrei. Der Herstellungsprozeß allerdings war eine Strafe und das Ganze insgesamt eine exzellente Methode, um die Küche großflächig einzusauen.
Denn der Teig ist ein derart zähklebriger Schleim, daß sämtliche Schritte zwischen Gehenlassen und In-die-Pfanne-schmeißen im Grunde entfallen und durch "auf Teufel komm raus versuchen, einen kleineren Teil Teig abzutrennen, ihn irgendwie flachkriegen, ohne dabei Brüsseler Spitze herzustellen und das Gebilde halbwegs unfallfrei zum Herd bugsieren" ersetzt werden mußten.
Erschwerend kommt hinzu, daß die Fladen heiß serviert werden sollten. Das bedeutet, daß man im Prinzip einen küchenkompetenten Helfer bräuchte. Andernfalls sitzt einem beim Kampf mit der Hefe-Hydra auch noch ein rapide abkühlendes Hauptgericht im Nacken.
Fazit: in meinem nächsten Leben wohne ich an einem Ort, wo Bio-Hühnerfleisch nicht so rar ist, daß ich mich aufführen muß als sei es der Heilige Gral höchstpersönlich. Dann - und nur dann - backe ich vielleicht auch nochmal Naan.
Zum Nachtisch gab es Panna Cotta und Rhabarberkompott. Wenn ich früher gewußt hätte, wie außerordentlich einfach der
Sahneglibber herzustellen ist, hätte ich ihn schon öfter gemacht:
400 ml Sahne mit 50 Gramm Zucker und dem Mark einer Vanilleschote aufkochen. Ein Päckchen Gelatine drunterrühren. Fertig.
Nun muß ich bloß noch rausfinden, wie man verhindert, daß sich diese doofe Puddinghaut oben drauf bildet. Und das nächste Mal dran denken, das Kompott pünktlich vom Herd zu nehmen. Merke: Rhabarber schmeckt zwar nicht schlechter, wenn er verkocht ist, aber bräunlich-graue Suppe mit Fädchen drin sieht wenig anheimelnd aus.
Montag, 9. Mai 2016
Traumata
Eines meiner Geburtstagsbücher war "Wann wird es endlich so, wie es nie war" von Joachim Meyerhoff.
Es ist nicht schlecht geschrieben, finde ich, aber insgesamt doch eher ein Armutszeugnis für die zeitgenössische deutsche Literatur und/oder die Lektürevorlieben der deutschen Leserschaft, daß dies ein Spiegel-Bestseller geworden sein soll. Ich zumindest klappte es nach der letzten Seite wieder zu und dachte mir 'Nix als Dönekens. Umfassend pointless. Und insofern: welche Zeitverschwendung.'
Für einen weiteren schwerwiegenden Einwand, den ich gegen dieses Buch habe, kann der Autor allerdings gar nichts. Er schildert nur in viel zu vielen Anekdoten, wie es war, als jüngster Sohn des Direktors einer psychiatrischen Anstalt auf deren Gelände aufzuwachsen. Und wenngleich ich meine eigene Kindheit damit nicht im geringsten vergleichen will, beschwor das Buch bei mir doch haufenweise Erinnerungen herauf.
Daran, wie mein Bruder seinen Freunden demonstrierte, daß ich - obzwar noch nicht in der Lage, einen vollständigen Satz zu bilden - bereits fehlerfrei "Butazolidinspritze" sagen konnte.
Daran, daß ich, statt Häuser, Sonnen und Strichmännchen zu malen, meinen Puppen Krankenscheine ausstellte.
Daran, wie ich - in relativ zartem Alter eines Abends für ein Stündchen alleingelassen - auf energisches Klingeln hin die Haustür einem Unbekannten öffnete, der sich eine Waschschüssel unter's Kinn hielt, in die er ausgiebig hineinblutete. (Übrigens bat ich den Patienten in aller Seelenruhe ins Wartezimmer, ehe ich zum Telefon schritt um meinen Vater zu alarmieren.)
Heute traf ein weiteres Geburtstagspäckchen ein. Ich will mich keineswegs über die paar Tage Verspätung beschweren, denn Geschenke kann ich einfach nie genug kriegen, daher ist mir wirklich ganz egal, wann sie eintreffen.
Also packte ich aus und freute mich. Dann hielt ich das Präsent meiner Mutter unter die Nase.
"Sieh mal! Gleich zwei von der Sorte hab' ich gekriegt - das andere ist hellgrün. Ist das nicht praktisch?"
Begeistert quetschte ich zu Demonstrationszwecken den Behälter zusammen.
"Aha", stellte meine Mutter interessiert fest, "Du hast also ein... Klistier bekommen. Von wem ist das denn?"
Mitnichten. Die Fläschchen sind die moderne Version der Spritztüte. Um beispielsweise Weihnachtsplätzchen zu dekorieren. Aber nun wird mein Blick darauf nie wieder derselbe sein.
Es ist nicht schlecht geschrieben, finde ich, aber insgesamt doch eher ein Armutszeugnis für die zeitgenössische deutsche Literatur und/oder die Lektürevorlieben der deutschen Leserschaft, daß dies ein Spiegel-Bestseller geworden sein soll. Ich zumindest klappte es nach der letzten Seite wieder zu und dachte mir 'Nix als Dönekens. Umfassend pointless. Und insofern: welche Zeitverschwendung.'
Für einen weiteren schwerwiegenden Einwand, den ich gegen dieses Buch habe, kann der Autor allerdings gar nichts. Er schildert nur in viel zu vielen Anekdoten, wie es war, als jüngster Sohn des Direktors einer psychiatrischen Anstalt auf deren Gelände aufzuwachsen. Und wenngleich ich meine eigene Kindheit damit nicht im geringsten vergleichen will, beschwor das Buch bei mir doch haufenweise Erinnerungen herauf.
Daran, wie mein Bruder seinen Freunden demonstrierte, daß ich - obzwar noch nicht in der Lage, einen vollständigen Satz zu bilden - bereits fehlerfrei "Butazolidinspritze" sagen konnte.
Daran, daß ich, statt Häuser, Sonnen und Strichmännchen zu malen, meinen Puppen Krankenscheine ausstellte.
Daran, wie ich - in relativ zartem Alter eines Abends für ein Stündchen alleingelassen - auf energisches Klingeln hin die Haustür einem Unbekannten öffnete, der sich eine Waschschüssel unter's Kinn hielt, in die er ausgiebig hineinblutete. (Übrigens bat ich den Patienten in aller Seelenruhe ins Wartezimmer, ehe ich zum Telefon schritt um meinen Vater zu alarmieren.)
Heute traf ein weiteres Geburtstagspäckchen ein. Ich will mich keineswegs über die paar Tage Verspätung beschweren, denn Geschenke kann ich einfach nie genug kriegen, daher ist mir wirklich ganz egal, wann sie eintreffen.
Also packte ich aus und freute mich. Dann hielt ich das Präsent meiner Mutter unter die Nase.
"Sieh mal! Gleich zwei von der Sorte hab' ich gekriegt - das andere ist hellgrün. Ist das nicht praktisch?"
Begeistert quetschte ich zu Demonstrationszwecken den Behälter zusammen.
"Aha", stellte meine Mutter interessiert fest, "Du hast also ein... Klistier bekommen. Von wem ist das denn?"
Mitnichten. Die Fläschchen sind die moderne Version der Spritztüte. Um beispielsweise Weihnachtsplätzchen zu dekorieren. Aber nun wird mein Blick darauf nie wieder derselbe sein.
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