Donnerstag, 24. März 2016

À pro pos Superlative - Ostertaube

Mein ältester Freund ist ganz groß darin, mir suchterzeugend köstliche Dinge zu senden, die es nachher in der kulinarischen Kalahari nicht für Geld und gute Worte nachzukaufen gibt. Er ist derjenige, der mithilfe eines zartschmelzenden Meraner Torrone zuckerbedingte Kleisterorgien auslöste, die bis dato zwei Weihnachten und diverse Gebisse nachhaltig überschatteten.

Hennings bisher bösestes Danaergeschenk war eine original italienische Colomba di Pasqua. Die ist ganz ohne jede Übertreibung die Sixtinische Kapelle unter den Hefeteigen. In jeder Hinsicht. Schätzen Sie sich glücklich, falls Sie noch nie eine gegessen haben. Versuchen Sie keinesfalls, selbst eine zu backen. Kinderkriegen geht schneller, und einen laktoseintoleranten Säugling zu betüddeln ist einfacher. Glauben Sie mir. Gründen Sie lieber ein Start-Up, das so ein Ding per Crowdfunding importiert. 
Nicht nur, weil das Ergebnis niemals auch nur annähernd dem Original gleichkommen wird. Hauptsächlich deshalb, weil jeder, der die Taube probiert, trotz Ihrer ganz & gar mangelhaften hausgebackenen Kopie hartnäckig "wieder so'n schönen Kuchen wie letzte Ostern" von Ihnen verlangen wird. 

Kennen Sie zufällig Ensaimadas? Diese mallorquinischen Hefeblätterteigschnecken, die strenggenommen unter's Betäubungsmittelgesetz fallen müßten? Die sich zu Rosinenstuten so verhalten wie Kaiserin Sisi zu einer adipösen slowenischen Reinigungskraft? Ja? Nun, die italienische Ostertaube ist die Cousine dieser spanischen Teilchen. Nur mit mehr butterflauschigem Innenleben, da größer.

Ich mache meine dank google translate nach einer Mischung aus zwei Rezepten, diesem und jenem. Das erste ist bebildert und enthält genaue Mengenangaben  - nix mit mir verhaßten Gummiformulierungen à la "so viel Mehl/Milch/Butter, bis der Teig sich bei leichtem Fingerdruck zu Hasenöhrchen formt". Unglücklicherweise ist das Ergebnis viel zu klein.
Das zweite Rezept ist rosinenfrei, übersichtlicher und enthält deutlich mehr Eigelb, dafür aber verflixt vage. 
Was in beiden fehlt ist die großzügige Dosis Valium, die als allererstes in die übergeschnappte Köchin gehört, ehe sie sich an dem Mistvieh versucht.

Die Zubereitungszeit beträgt je nach Rezept zwischen 12 und 26 Stunden. Ganz recht. Sie dürfen aber zwischendurch schlafen. Falls Sie also am Karfreitag oder Ostersamstag enorme Langeweile, zuviele Eier und sonst niemanden im Haus haben, der Ihre ziemlich ungeteilte Aufmerksamkeit beansprucht, dann steht der Taube nichts mehr im Wege.

Colomba di Pasqua
Insgesamt für eine Taube von 750 Gramm - verdoppeln Sie es am besten von Anfang an:
5 g Trockenhefe
450 g Mehl
140 g Zucker
100 g Butter
15 g Salz
112 g Eier (2 Stück Größe M - meistens) oder 2-3 Eigelb und 1 Ei
1 Vanilleschote (Mark)
ggf. 100 g Rosinen, falls Sie welche mögen. Wenn ja, dann müssen Sie sie unbedingt mindestens ein bis zwei Stündchen vor dem Einarbeiten in den Teig in heißem Wasser einweichen und anschließend gut abtropfen lassen! Sonst haben Sie am Ende diese schwarzverbrannten, penetrant bitter-süßen Knubbel drin, für die deutsche Hausfrauen berüchtigt sind.
ggf. 50 g gehacktes Orangeat, falls Sie es mögen

1. Impasto
In einer Schüssel 140 g Mehl mit 5 g Trockenhefe, 40 g Milch (Raumtemperatur) und 100 g Wasser (Raumtemperatur) verrühren. Schüssel mit Klarsichtfolie oder einem Tuch abgedeckt 2 Stunden bei einer Temperatur von 27° bis 30° gehen lassen. Beispielsweise in einem Backofen, in dem Sie nur das Licht eingeschaltet haben. Bei meinem funktioniert das nicht. Also bei Sonnenschein auf das Südseiten-Fensterbrett stellen. Notfalls Schüssel auf den Schoß nehmen und sanft hinter den Ohren kraulen. Katze drumwickeln. Whatever. Danach sollte der Vorteig sein Volumen verdoppelt haben.
2. Impasto
Nach und nach 20 g Zucker, dann langsam 100 g Mehl unter den Vorteig rühren. Erst wenn der Teig das Mehl vollständig aufgenommen hat können Sie, ebenfalls nach und nach, 20 g Butter einarbeiten. Teig auf einer Arbeitsplatte ein paar Mal durchkneten. Zur Kugel formen (ha!) und zurück in die Schüssel geben. Abdecken. Anderthalb bis zwei Stunden bei 27° - 30° gehen lassen, bzw. bis der Teig sein Volumen wieder verdoppelt hat.
3. Impasto
Auf die Uhr schauen, Zeit notieren. Nach und nach die restlichen Zutaten unter den Teig arbeiten. Langsam! Reihenfolge: Zucker. Mehl. Eier. Salz. Vanillemark. Butter. Ggf. Rosinen und Orangeat. Nachsehen, wieviel Zeit inzwischen vergangen ist. Teig aus der Schüssel nehmen und mit den Händen weiterbearbeiten, indem man ihn erst flachdrückt, dann die Seiten jeweils zur Mitte schlägt, wieder und wieder. Am Ende müssen 20 Minuten vergangen sein.
Teig zur Kugel formen, in eine große Schüssel legen, zudecken und für 16 Stunden in den Kühlschrank stellen. Herausholen und nochmals 2 Stunden bei Raumtemperatur gehen lassen.
Nun kommt es darauf an.
Falls Sie selbstgetöpferte Serviettenringe für den Gipfel ästhetischen Genusses halten, dann soll Sie nichts daran hindern, dem Teig eine vage vogelähnliche Gestalt verleihen zu wollen. Dabei Vorsicht walten lassen. Der Teig sollte nicht brutal geknetet werden. 
Ich transferiere ihn schlicht in eine mit Backpapier ausgelegte  Springform.
Nochmals 3,5 Stunden bei 27° bis 30° gehen lassen.
Oberfläche nach Belieben mit einer Mischung aus leicht aufgeschlagenem Eiweiß und Puderzucker bestreichen, dann mit  Hagelzucker und ganzen, ungeschälten Mandeln dekorieren.
1 knappe Stunde bei 160° backen - ohne Umluft. Stäbchentest machen.

Drei Kreuze machen. Lob entgegennehmen. Sich erschießen.

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