Das ist aber im Moment nicht so wichtig wie die Tatsache, daß in Blog und Buch ein Rezept für Tarte Tatin auftaucht. Falls Sie nicht wissen, was das ist: es handelt sich um einen Kuchen, der verkehrt herum gebacken wird. Erst kommen mit Butter und Zucker karamellisierte Äpfel in die Form, die anschließend unter einer Teigscheibe versteckt werden. Nach dem Backen auf eine Kuchenplatte stürzen. Dabei vor Angst die Luft so lange anhalten, bis man veilchenblau anläuft.
Für diesen Kuchen hege ich seit Jahren eine seltsame Obsession. Mag es am verführerisch klingenden französischen Namen liegen, mag es an der Tatsache liegen, daß ich schrumpelig gebackene Apfelspalten auf Teigboden für Platzverschwendung halte - ich wollte schon immer mal eine ordentliche Tarte Tatin backen.
Meine bisherigen Versuche, arbeitssparend mit Tiefkühlblätterteig zu arbeiten, blieben höchst unbefriedigend. Mal thronten die karamellisierten Äpfel auf einem Hochsitz aus viel zuviel trockenem Blätterteig, mal durchweichten schon beim Backen gallenkolikerzeugende Buttermengen den Deckel/Boden.
Hier also fand ich das Rezept, das ich vorgestern wider besseren Wissens haarklein befolgte. Glauben Sie Frau Neudecker bitte kein Wort. Ich tue es jetzt auch nicht mehr.
Es fängt schon mit den mysteriösen Anweisungen für die Teigherstellung an. Korrigieren Sie mich, wenn ich mich irre, aber im Prinzip sollte es sich um Mürbteig handeln. Und ich wüßte nicht, daß es je jemandem gelungen wäre, den durch Cremigrühren von Butter zu erzeugen. Daher entschied ich mich für die Knet-Variante. Die ließ sich auch gut an. Genau so lange, bis ich die vorgeschriebene Wassermenge hinzufügte. Daraufhin verwandelte er sich vorhersehbar in Schnellzement, den ich nach der Kühlzeit erst aus der Schüssel meißeln mußte, ehe ich ihn ausrollen konnte. Sehr zur Erheiterung meiner Freundin R., die mir begeistert bei der Zubereitung assistierte.
Die Sache mit dem Zucker, der Butter und den Äpfeln in der Pfanne war kein allzu großes Problem. Wenn man mal davon absieht, daß sich dank der gewaltigen Zuckermenge große, unauflösbare Karamellbatzen bildeten, die auch im fertigen Kuchen noch als perfekte Plombenzieher erhalten waren. Und davon, daß meine Äpfel - ja, ich hatte extra Elstar besorgt - beunruhigende Tendenzen zeigten, sich lieber in der Masse aufzulösen statt vorschriftsmäßig zu bräunen.
Die Teigmenge ist das nächste Rätsel. Inzwischen habe ich extra nochmal mein Lieblingsrezept für Apple-Pie aus einem alten Dr. Oetker-Kochbuch nachgeschlagen, und es stimmt. Für diesen Pie, der ja eines Bodens UND eines Deckels bedarf, sind nur unwesentlich mehr Butter und Mehl nötig als Frau Neudecker für ihre Tarte vorsieht. Nun versuchen Sie mal, gute zehn Zentimeter Teigüberhang wie ein Bettlaken in, bzw. unter die in der Form befindlichen Äpfel zu stopfen. Genau. Sie kriegen einen Wulst am Rand, der nachher nicht ordentlich durchgebacken ist. Alternativ können Sie knapp die Hälfte wegschmeißen. Oder einen Deckel walzen, der als Türblatt taugen würde.
Übrigens versagte angesichts der Klebrigkeit des Teigs um ein Haar sogar das praktisch unfehlbare Mittel, den Klumpen zwischen Frischhaltefolie auszurollen, um ihn unversehrt über die Form klappen zu können.
Ich bin aber unheilbar optimistisch, wenn mir eine Autorin nur sympathisch genug ist. Also schob ich das Ganze in den Ofen. Nach gründlichem Einstechen der Teigplatte. Versteht sich.
Dann ließ ich mich mit einem wohlverdienten Zigarillo auf der Küchenbank nieder. Bis meine Freundin, strategisch mit Blick auf den Herd sitzend, mich mit der nachdenklichen Bemerkung alarmierte, sie sei der Ansicht, daß sich in der Röhre eine bisher unbekannte Zivilisationsform entwickelt habe.
In der Tat.
Und das war das Ergebnis:
Die Optik trügt. Der Teig war mehr oder weniger eßbar. Da, wo er nicht halbroh war. Aber ein guter Mürbteig schmeckt anders. Und der Belag war ungefähr so süß wie diese honigtriefenden orientalischen Süßigkeiten, die bereits nach dem ersten Bissen Widerwillen wecken. Insofern hatte die Tarte immerhin den kaloriensparenden Vorzug, daß keiner von uns das Bedürfnis hatte, dem Probestückchen ein weiteres folgen zu lassen. Das ist leider das einzig Positive, was mir dazu einfällt. Na ja - wenn man mal davon absieht, daß ich sonst keine Gelegenheit zu diesem Post gekriegt hätte.


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