Samstag, 27. Februar 2016

Weniger ist mehr

Das Rezept ist übertitelt mit "Überbackene Kalorien". Das klingt schon mal gut, denn ich stehe auf dem Standpunkt, daß gesundes, also fettarmes Essen in 99 Prozent aller Fälle scheußlich schmeckt. (Das restliche Prozent kann jederzeit durch etwas Sahne oder Butter deutlich verbessert werden.) 
Es handelt sich um eine sogenannte Tartiflette, von der ich noch nie gehört hatte, und die auch in keinem meiner umfangreichen Bände über französische Küche aufgeführt ist. Jedenfalls ist es ein Auflauf aus Kartoffeln, Zwiebeln, Speck und Käse. Letzteren spezifiziert das Rezept als "300 g Reblochon (oder ein anderer gereifter Weichkäse aus Kuhmilch)". Nun ist die Chance, in einem Brandenburger Supermarkt ordentlichen französischen Weichkäse zu finden ähnlich groß wie die, im märkischen Sand auf eine Opalmine zu stoßen. Ich wählte daher verzweiflungshalber ein Molkereiprodukt namens "Bauernrebell". (Ob der Bauer gegen diesen Käse aufmuckt oder vice versa bleibt offen.)

Ansonsten ist alles gut, denn der Hauself baut jedes Jahr gewissenhaft Kartoffeln und Zwiebeln (und nur diese) an. Und je näher das Frühjahr rückt, desto dringender sind Rezepte gefragt, die von beiden möglichst viel verlangen. Denn das vorjährige Gemüse strebt vom Keller aus schneller zum Licht als das Klima erlaubt.

Tartiflette
1 kg Kartoffeln
Anm.d.Verf: entweder von diesen weniger oder von den anderen Zutaten deutlich mehr verwenden! 
3 Zwiebeln
etwas Butter
Salz
150 ml Weißwein
Anm.d.Verf: unbedingt mindestens das Doppelte nehmen! 
150 g Speckwürfel
schwarzer Pfeffer
300 g Reblochon
Anm.d.Verf: Wenn man hat. Bauernrebell geht. Rinde muß eßbar sein! Umso aromatischer, desto besser - glaube ich.

"Kartoffeln mit Schale in Salzwasser gar kochen. Abgießen, abkühlen lassen und schälen. Zwiebeln in Streifen schneiden. In einer Pfanne etwas Butter zergehen lassen, die Zwiebeln darin anschwitzen. Salzen und mit Weißwein ablöschen, Pfanne zudecken, die Zwiebeln ungefähr 25 Minuten lang dünsten. In einer anderen Pfanne Speck anbraten, mit den Zwiebeln vermengen, eine großzügige Prise Pfeffer unterrühren.
Die Hälfte dieser Minschung in einer Auflaufform verteilen. Die Kartoffeln in 1 Zentimeter dicke Scheiben schneiden und in die Form geben, es folgen die restlichen Zwiebeln. Käse in Tortenviertel zerteilen und dann längs halbieren. Mit der Schale (die essbar sein sollte) nach oben auf die Kartoffel-Zwiebel-Mischung legen. Bei 180 Grad eine halbe Stunde lang backen."

Den Hinweis, man solle "Zeit in die Suche nach der Kartoffelsorte Linda investieren" hätte sich der Rezeptschreiber aus den oben erwähnten Gründen schenken können. Hingegen hätte ich den Anweisungen gern entnommen, ob der ausgelassene Speck mit oder ohne sein flüssiges Fett zu verwenden ist. Am Ende beschloß ich, daß ein halber Löffel Butter und etwas Käse nicht ausreichen würden, um Kartoffeln für drei Personen eßbar zu machen. Wie recht ich doch hatte.

Ob 150 ml Weißwein ausreichen, hängt erstens davon ab, ob man eine Pfanne mit dichtschließendem Deckel hat. Zweitens dachte ich mir, daß etwas Flüssigkeit in der Auflaufform nicht schaden kann und verdoppelte kurzerhand die Menge, nachdem die erste Ladung Wein verkocht war.


 
Schön sah er aus, der Auflauf. Leider waren wir alle zu gierig als daß es mir gelungen wäre, ihn in seiner vollen Pracht zu fotografieren.
Dann probierten wir.
"Hm", stellte ich skeptisch fest "die Autorin schreibt, bei diesem Gericht habe sie 'Leute jedes Maß verlieren sehen'".
Der Hauself kaute bedächtig. Dann sagte er "Nu weiß man ja nich', was das für Leute waren. Vielleicht kamen die grad aus'm Gulag?"
"Ich würde auch sagen", stimmte meine Mutter zu. "Bißchen wenig Sauce, findet Ihr nicht? Außer für echte Kartoffelfanatiker."



"Andererseits - so schlecht kann es auch wieder nicht gewesen sein", konstatiere ich abschließend beim Blick auf die Reste.
"Wieso? Wir sind doch nicht damit fertiggeworden?" wundert sich der Hauself.
"Ja, aber die Menge ist angeblich für 6 bis 8 Portionen berechnet", grinse ich.

Während ich die Spülmaschine einräume, dringt Gemurmel an meine Ohren. 
"Also, wir sind zu einem Ergebnis gekommen", erklärt meine Mutter, bevor sie sich den ersten Löffel Eis zu Gemüte führt. 
"Ja. Wir finden, Du solltest die Kartoffelmenge auf drei Personen reduzieren und den Rest der Zutaten bei 6 bis 8 belassen", ergänzt unser Mitbewohner. "Dann darfst Du's gerne wieder machen." 

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