Noch ein Blog? Ja, noch ein Blog. Diesmal explizit einer über's Kochen. (Denn manchmal hinke selbst ich dem Trend hinterher.)
Weil ich so gern koche? Nein. Kochen fällt für mich längst nicht in dieselbe Kategorie wie Lesen, Schreiben oder Sprachenlernen. Nur mangelte es in meinem Elternhaus an kindgerechtem Lesestoff. Und Kochbücher sind einem lektürehungrigen Grundschulverstand deutlich zugänglicher als Der Zauberberg und entschieden weniger eklig als das Ärzteblatt.
Außerdem waren die mir liebsten Menschen meiner Familie schwer zu beschenken. Da traf es sich, wie ich fand günstig, daß mein Bruder den weihnachtlichen Wunsch nach Rumkugeln äußerte. Denn das, behauptete meine Mutter, sei zuviel Arbeit für das Personal.
"Darf ich die dann machen?" erkundigte ich mich mit der Hybris einer Achtjährigen.
Immerhin ist die Herstellung dieser hausgemachten Pralinés insofern kindgerecht, als man dafür den Herd nur für die paar Minuten anzuschmeißen braucht, in denen das Palmin schmilzt.
Zweifellos sind sie dank roher Eier heutzutage politisch inkorrekt. Erstaunlicherweise halten sie sich trotzdem mehrere Wochen lang, zumindest im Kühlschrank. Jedenfalls ist mir noch nie etwas von rumkugelbedingter gesundheitlicher Beeinträchtigung zu Ohren gekommen. Andererseits lege ich zugegebenermaßen Wert auf den Umgang mit höflichen Menschen.
Rumkugeln nach Art des Hauses Walter
35 - 40 g Kakao
125 - 150 g Puderzucker
125 - 150 g Kokosfett, zerlassen, abgekühlt
2 Eier
200 g abgezogene, gemahlene Mandeln
1 Likörglas Rum oder Kirsch
Außerdem: zum Wälzen wahlweise Kakao, Schokostreusel, Puderzucker oder ähnliches, das ist Geschmackssache.
Eier mit Puderzucker und Kakao im Mixer oder mit dem Elektrorührer zu einer Creme rühren. Das zerlassenen Kokosfett dazugießen, die Mandeln unterrühren. Zum Schluß mit Schnaps abschmecken.
Die Masse kühl stellen. Sobald sie festgeworden ist, mit einem Löffelchen etwas abstechen, zu Kugeln rollen und in dem Zeug rollen, das man sich ausgesucht hat - damit man sie anfassen kann, ohne Schokoladenfinger zu kriegen. Mit einem Melonen- oder Butterausstecher ginge es vielleicht schneller, aber über sowas hat noch keine meiner Küchen je verfügt. Und ja, das Rollen der Trüffel ist eine etwas langwierige Schweinerei. Am besten legt man sich rechtzeitig Küchenpapier zurecht, falls man das zur Unzeit geklingelt habende Telefon nicht sauberlutschen möchte.
Sollte sich noch irgendwo ein Töpfchen mit Schokoladenglasur herumtreiben und ist man von akutem Wahnsinn befallen, dann kann man natürlich auch versuchen, die Kugeln mit flüssiger Schokolade zu überziehen.
Es war eine prägende Erfahrung. Denn seitdem weiß ich erstens, daß es sich lohnt, in bereits abgezogene und gemahlene Mandeln zu investieren. (Dafür waren meine Eltern entweder zu geizig, oder es gab sie damals schlichtweg nicht zu kaufen.) Obwohl deren Konsistenz sich keineswegs mit der vergleichen läßt, die aus der mühsam gedrehten Mandelmühle fällt.
Zweitens stellte ich fest, daß lahme Arme und stundenlanges Geschmadder in dem Augenblick vergessen sind, in dem sich einer den extra für ihn zubereiteten Leckerbissen genüßlich auf der Zunge zergehen läßt.
Allerdings habe ich aus den relativ großzügigen Mengenangaben dieses allerersten, von mir ganz allein zubereiteten Rezepts nicht gelernt, daß es mehr auf die Endkosistenz als auf den Zeiger der Waage ankommt. Im Gegenteil. Bis heute zähle ich aufmerksam Aromatropfen und fische panisch mit einem Löffel überschüssige fünf Gramm Mehl aus der Kuchenteigschüssel. Go figure.
Meine Mutter hatte wenig Zeit. Da sie bei der
Buchführung und dem Auswerten von EKGs seltsam wenig Wert auf meine
Gesellschaft zu legen schien, wollte ich ihr wenigstens dann zur Hand
gehen, wenn sie - etwa zweimal pro Jahr - die Küche betrat. Die blieb
ansonsten dem Hausmädchen du jour überlassen, das ebenfalls selten
dankbar für meine Hilfe war, das aber Sonntags frei hatte, weshalb wir
an diesem Tag essen gingen. Problematisch wurde es an den Wochenenden,
an denen entweder mein Vater oder meine Mutter für den ärztlichen
Notdienst eingeteilt waren. Mit diesem Dilemma begannen
meine selbständigen Expeditionen in die Küche.
Kochen
ist also etwas, was ich für andere Leute tue. Mir selbst überlassen
ernähre ich mich so vergnügt von Käsebrot, daß ich mal ein gutes halbes
Jahr in einer Wohnung gelebt hatte, ehe ich entdeckte, daß der Herd
nicht in Betrieb zu nehmen war.

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